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Sauer macht lustig!

Zur Restaurierung der Weilburger Schlosskirchenorgel

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Die Wilhelm-Sauer-Orgel der Schlosskirche in Weilburg ist innerhalb des Schaffens des berühmten Orgelbauers sicher kein besonders großes oder auffälliges Instrument – keine Berliner Domorgel oder zumindest ein repräsentatives Instrument, wie etwa in Bad Homburg, wo die kaiserliche Familie ihre Sommer verbrachte und man beim königlich-preußischem Hof-Orgelbauer in der dortigen Erlöserkiche eine angemessene Orgel samt Fernwerk installierte.

 

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Die Disposition der Weilburger Orgel, die 1902 erbaut wurde, ist schnörkellos und für einen ordentlichen Organisten gemacht, der das Instrument allerdings kaum hören konnte, da er von einer ziemlich unvorteilhaften Position aus das Instrument bedienen musste. Der Spieltisch befindet sich nämlich unter der Orgel mit einem kleinen Ausblick in den Kirchenraum.

 

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Auch vermisst man so einiges, was für die Darstellung der Musik jener Zeit wichtig ist, ein Salicional, eine lyrische Zungenstimme, und nicht zuletzt den große Klang, der für das immense Raumvolumen als adäquat empfunden werden könnte.

 

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Aus denkmalpflegerischer Sicht hätte die Ausgangslage allerdings nicht besser sein können. Die Substanz war in Weilburg nahezu vollständig erhalten. Wenn auch seit dem letzten Umbau der Orgel 1972 durch Fa. Steinmeyer nicht mehr innerhalb der Orgel, sondern fein säuberlich in Armeekisten im Dachstuhl aufbewahrt. Dem damaligen Orgelsachverständigen Martin Balz sei es gedankt, der die ungeliebten pneumatischen Orgeln zu erhalten suchte und dafür sorgte, dass zumindest die wertvollen Pfeifen von Aeoline, Gamba und Flûte harmonique und vieles mehr erhalten blieben.

 

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So weit, so gut, könnte man meinen. Die Kirchengemeinde trug sich nun seit Längerem mit dem Gedanken einer Renovierung der Orgel. 1972 erweiterte und elektrifizierte man die Orgel, um vielleicht auch barockere Orgelmusik darstellen zu können. Das Ergebnis konnte aber nur wenig überzeugen. Was nun – ein Rückbau dieser Maßnahmen, zurück zu Sauer in das Jahr 1902?

 

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Immerhin ist die Querkirche der Weilburger Residenz eine der bedeutendsten und zudem größten protestantischen Kirchenbauten des Barock. Dazu muss auch gesagt werden, dass schon Wilhelm Sauer die barocke Fassade samt der alten Prospektpfeifen erhalten musste. Schon damals war man wohl um die Geschlossenheit von Kirchenraum und Inventar bemüht.

 

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Die erste Orgel der Schlosskirche wurde 1710 von Johann Jakob Dahm erbaut. Wie auch die fast baugleiche Kirche der Weilburger Grafen in ihrer Sommerresidenz in Kirchheimbolanden erhielt sie als Erstausstattung eine üppig disponierte barocke Orgel. Im Anbetracht der Tatsache, dass von Dahm einiges erhalten ist, unter anderem ein beinahe baugleiches Instrument in Flörsheim am Main (vorm. Frankfurt, Karmeliterkloster) war es nicht abwegig zu überlegen, das verlorene Orgelwerk zu rekonstruieren. Obwohl Sauer quasi nur eine Scheibe der Barockorgel stehen ließ, fanden sich am Torso einige Hinweise, nicht zuletzt die nahezu vollständig erhaltenen Prospektpfeifen Prinzipal 8'und Octave 4'.

 

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Die Sauerorgel hätte dann vielleicht auf der gegenüberliegenden Empore platziert werden können: sein opus 896 als Solitär mit einer neuen Fassade, und vis-à-vis hinter dem Prospekt von 1710 die Dahmorgel als Rekonstruktion – eine Zweiorgellösung. Aufgrund der hohen Kosten und der Unwägbarkeit im Bereich der statischen Ertüchtigung des Gebäudes wurde diese Lösung aber nicht weiterverfolgt.

 

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Unser Konzept sah nun neben der Rekonstruktion der Sauerorgel eine Lösung vor, die das bestehende Instrument additiv erweitern sollte, um auch größere Orgelwerke aus verschiedenen Epochen darstellen zu können. Diese quasi zweite Orgel sollte wie eine Maske über das Bestandsinstrumente gelegt werden können.

Der klangliche Stil Wilhelm Sauers ist natürlich spätromantisch ausgerichtet. Gewisse Aspekte wie etwa die recht konservativen Mixturmodelle, die in der Mittellage enggeführten Mensuren und eine im Verhältnis reiche Zungenstimmenpalette erlauben erstaunlicherweise eine recht gute Interpretation der Werke Johann Sebastian Bachs; das ist zumindest bemerkenswert. Sauer-Orgeln sind extrem deutlich, gerade in den Mittellagen, was nicht nur der Musik eines Max Regers zugutekommt. Es galt nun also, zusammen mit den Verantwortlichen und allen voran mit Herrn OSV Thomas Wilhelm eine Zieldisposition zu erarbeiten, bei der ein großes dreimanualiges Instrument entstehen würde, dass Sauer hätte realisiert haben können. Ein Vergleichsinstrument war die Orgel der Hauptkirche in Rheydt mit ihrer gut proportionierten Disposition.

 

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Wir fanden mit dieser Lösung die Zustimmung des Denkmalamtes unter der Prämisse, dass das ursprüngliche Instrument vollständig rekonstruiert werden musste, auch in seiner technischen Gestalt. Das bedeutete für uns auch, dass keine Anbauten außerhalb des Gehäuses vorgenommen werden sollten und der Kontext der inneren Anlage nicht gestört werden durfte. Keine leichte Aufgabe, da wir neben neuen Bauteilen auch deren Zugänglichkeit einplanen mussten.

 

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In der Planungsphase erhielten wir die Möglichkeit, einen kleineren Bestand einer Sauerorgel, die in einem Depot der hessischen Landeskirche lagerte, in unser Projekt einzubeziehen. Ein Glücksfall für die inzwischen arg verbeulten Pfeifen des Depots und für das Weilburger Orgelprojekt. Wir konnten also einen Teil der neu einzubringenden Pfeifenreihen mit Originalpfeifen besetzen. Nach Auswertung und Eingliederung zeigte sich, dass die Maße der Pfeifen, obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Instrumenten stammten, genau übereinstimmten.

 

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Die neuen Bauteile wurden allesamt nach den Abmessungen der Sauerschen Windladen aus Kiefernholz angefertigt, ebenso der neue Schwellkasten. Bei den Windladen, die eine Einzeltonfunktion erhielten, wurde eine Steigleitung vorgesehen, um den Windflüssen einer Kegellade möglichst nahe zu kommen. Die von Sauer großzügig angelegte Windversorgung mit immerhin fünf Bälgen erwies sich als ausreichend für die Gesamtanlage.

 

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Auch wenn alle pneumatischen Verbindungen im Trakturschacht vom Spieltisch aus erhalten waren, war die Rekonstruktion aufwändig. Die Funktion jedes einzelnen Bleirohres musste mittels Druckluft genau zugeordnet werden. Die Rohre mussten dann innerhalb der Orgel allesamt verlängert werden; sie warenn 1972 einfach gekappt worden. Für die erhaltene Octavkoppel mussten alle Einrohrungen neu angelegt werden. Die Membranen der Orgel waren zu einem großen Teil noch diejenigen von 1902, was uns doch verblüffte. Wir ersetzten die inzwischen verhärteten, aber immer noch funktionstüchtigen Membranen nun vollständig durch neue Membranen aus Zickelleder.

 

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Eine zweite Auslösung für die elektrische Bedienung konnte teilweise mit Hilfe der Komponenten realisiert werden, die beim Umbau 1972 eingebracht wurden. Die Vorrellais werden somit am selben Auslösedraht sowohl pneumatisch als auch elektrisch betätigt. Ein erster Test am alten Spieltisch ergab eine relativ genaue pneumatische Auslösung – bei einer Entfernung von nahezu 12 Metern; Sauer wusste, was er tat.

 

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Der zweite Spieltisch steuert mittels einer Datenleitung, die über das Kirchendach geführt wurde, die gesamte Orgelanlage, also die Sauerorgel von 1902 plus alle Zubauten von 2024. Der Vorteil der elektronischen Steuerung liegt auf der Hand. Es können mehrere Register supplementär zu Gruppen zusammengefasst werden, die an verschiedenen Stellen verschiedene Aufgaben übernehmen können. Dazu mussten an mancher Stelle auch Mensuren angepasst werden, um beispielsweise Übergänge geschmeidiger zu machen; aber insgesamt eignete sich die Sauersche Mensuration gut für diese Herangehensweise.

 

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Im ehemaligen Rückpositiv fand ein großer Teil des neuen zweiten Manuals Platz zusammen mit den Mixturaufbauten. Rechts und links des Pedals wurden weitere Register des zweiten Manuals untergebracht sowie ein schwellbares Zungenwerk, welches das vorhandene Schwellwerk sinnvoll ergänzt.

Der neue Generalspieltisch befindet sich heute auf der gegenüberliegenden Empore. Von hier aus kann der Gesamtklang der Orgel vom Spieler gut wahrgenommen werden; zudem kann hier mit einem Chor zusammen musiziert werden. Ein dritter, mobiler Spieltisch für den Kirchenraum ist in Planung.

 

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Die Weilburger Orgel stellt sich nun als vielseitiges, stilistisch eindeutig verortetes Instrument dar, welches in seiner großzügigen Disposition den musikalischen Anforderungen einer bedeutenden Pflegestätte der Kirchenmusik innerhalb der hessischen Landeskirche gerecht werden kann.

 

Matthias Wagner

 

zur Disposition…