Als wär's schon immer so gewesen
St. Remigius in Königswinter erhält neue Orgel hinter historischem Prospekt

Wer heute die St. Remigius-Kirche in Königswinter (südlich von Bonn, aber auf der falschen Rheinseite…) betritt, könnte glauben, die Orgel auf der Empore habe schon immer so ausgesehen. Doch weit gefehlt. Die wechselhafte Geschichte mit ihren immer wieder zeittypischen Einschnitten sieht man dem Instrument nicht mehr an.

Ob die Orgel zusammen mit der Kirche 1780 erbaut wurde, oder aber schon damals aus zweiter Hand angeschafft wurde, läst sich nicht mehr klären. Möglicherweise kam sie aus der 1803 aufgehobenen Zisterzienserabtei Heisterbach ins benachbarte Königswinter. Auch der ursprüngliche Erbauer ist nicht mehr bekannt.

Die älteste überlieferte Bestandsaufnahme stammt aus der Hand von Orgelbauer Eberhard Kraft aus Poppelsdorf (damals bei, heute Teil von Bonn – aber auf der richtigen Rheinseite) aus dem Jahr 1847. Er beschreibt eine zweimanualige Orgel ohne oder mit nur angehängtem Pedal und 14 klingenden Registern. Ein Foto aus der Zeit zwischen 1917 und 1927 legt nahe, dass das Instrument seiten- oder hinterspielig war. Jedenfalls zeigt es fehlende Prospektpfeifen, was darauf hindeutet, dass diese 1917 zu Kriegszwecken abgeliefert werden mussten.
Prospekt zwischen 1917 und 1927
1927 rückte man der sicherlich arg mitgenommenen Barockorgel mit Säge und dem Wissen um die "wahre" Orgel zu Leibe. Das Untergehäuse mit der alten Spielanlage viel ersterer zum Opfer, der größte Teil des historischen Pfeifenwerks letzterem. Die Werkstatt Seifert aus Köln-Mannsfeld baute eine weitestgehend neue Orgel von nahezu doppelter Größe mit elektropneumatischen Trakturen auf einer neuen Beton-Kragplatte über der alten Empore, stellte die historische Gehäusefront davor und verbarg den ausladenden Rest hinter zwei seitlichen Erweiterungen mit jeweils zwei Flachfeldern.

Das Werk wies eine für die Zeit typische und ein wenig unentschlossene Disposition auf, die sich nicht erkennbar zwischen Romantik und Orgelreform entscheiden konnte. Mit der historischen Front hatte sie jedenfalls nur noch den Aufstellungsraum gemeinsam. Das Instrument überstand den Krieg unbeschadet. Aber der – aus heutiger Sicht wahrscheinlich attraktivere – romantische Anteil in der Disposition sowie die elektro-pneumatischen Trakturen machten in einer sich hemmungslos der vermeintlichen Weisheit der Orgelbewegung ergebenden Zeit das Instrument zunehmend unattraktiv.
Die neu vergoldeten Ohren
1972 kam erneut die Säge zum Einsatz. Nachdem an der historischen Front nichts mehr abzuschneiden war, nahm man sich die seitlichen Erweiterungen von 1927 vor. Sie wurden kurzerhand mit dem gesamten Innenleben der Orgel entsorgt und durch ein neobarockes Instrument der Firma Stahlhuth aus Aachen ersetzt. Federführend war dabei der Sachberater des Staatshochbaumates Bonn, KMD Hans Hulverscheidt – ebenfalls aus Aachen.
Der neue Spieltisch in der Front
Die Beton-Kragplatte wurde heftig beschnitten und durch ein Tragwerk aus Leichtbau-Profilen ersetzt. Für die neuen Seitenfelder – immerhin gab es erneut mehr Register zu verstecken, als hinter die alte Front passten – wurde ein Architekt zu Rate gezogen, der unter eifrigem Einsatz eines rechten Winkels wunderschöne vieleckige Kästen ersann. Dann wurde alles, egal ob alt oder neu, mit einer dicken Schicht "altweißer" Ölfarbe zugekleistert.
Prospekt zwischen 1972 und 2025
Der neue freistehende Spieltisch erhielt anstelle der guten Elektro-Pneumatik eine wiederum zeittypische schlechte Mechanik. Die Gehäuseergänzungen wurden aus Tischlerplatte und Pressspan hergestellt. Der Zugang zu Wartungszwecken war lebensgefährlich, und die Windanlage auf dem ungeheizten Dachboden tat ein Übriges. 1999 versuchte ein weiterer Orgelbauer, zu retten was zu retten war, aber das ohne merklichen Erfolg.
Blick vom Stimmgang ins Hauptwerk
2012 übernahmen wir die regelmäßige Wartung und Stimmung des Instruments. Nachdem sich die Probleme mit Stimmung und Technik häuften, wurden wir 2021 um eine Stellungnahme zu notwendigen Maßnahmen gebeten, die in dem Satz gipfelt: "Die gegebene Situation ergibt unserer Einschätzung nach einen wirtschaftlichen Totalschaden." Diesem Urteil schloss sich der zuständige Orgelsachverständige des Erzbistums Köln, Eckehard Isenberg, an.
Pfeifenwerk des Hauptwerkes
Die Planung für einen Neubau konzentrierte sich ganz auf die historische Front. Sie wurde zu einem Vollgehäuse ergänzt und bekam einen neuen Unterlaib. Nachdem ein seitlicher Spieltisch nach historischen Vorbildern aus praktischen Gründen einer vorne zentrirten Spielanlage weichen musste, war klar, dass das Nebenwerk zum Pedal in eine zweite Gehäusescheibe umziehen musste.
Blick auf Hinterwerk und Pedal
Zuguterletzt wurden alte und neue Gehäuseteile holzsichtig dunkel gefasst und das historische Schleierwerk vergoldet. Nun präsentieren sich barocker Kirchenraum und Orgel optisch und klanglich wie aus einem Guss.
Der mittlere Prospektturm von innen
die Trakturen hinter dem Spieltisch
