Dorflehrers Orgeltraum
Zur Restaurierung der Ladstätter-Orgel in der Evangelischen (A. B.) Pfarrkirche in Zlan/A
nach der Restaurierung 2025
Schwer zu sagen wo, wann und wie Jakob Ladstätter (1804-1875), seines Zeichens Schullehrer, Organist und später auch Gastwirt, das Handwerk des Orgelbauers erlernt hatte. Schon sein Vater baute Orgeln nebenher, nach seiner Art mit Orgelpfeifen ganz aus Holz.
Zustand bis 2025
Auf den Erkundungstouren durch das Kärntner Land, die uns zu Orgeln von Ladstätter, Grafenauer und den Hörbiger-Brüdern führten, begegneten uns meist kleinere Instrumente. Bei all diesen Orgeln entdeckte man eine gewisse Begeisterung für allerlei Neuerungen. Jede Orgel ein anderes Feld für Experimente und Ideen, sowohl, was den Klang betrifft, als auch die technischen Möglichkeiten.
Klaviaturen nach dem Ausbau vor der Restaurierung
In Zlan aber standen wir vor einem vergleichsweise riesigen Instrument, ursprünglich sollte sie vier Manuale mit fünf 16'- Registern besessen haben. Der Erbauer der Orgel: ein Autodidakt. Die Konstruktion: für seine Zeit gewagt und alles andere als normal. Die technische Anlage: experimentell und eben vor Allem ziemlich groß. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein Musikinstrument, dass sich anschickt, mehrere Jahrhunderte überleben zu wollen – dachte man sich.
I. Manual
Es war allem Anschein nach wohl Ladstätter selbst, der den Bau der Orgel vorangetrieben hat. Es gibt jedenfalls keinen Kontrakt oder Auftrag seitens der Pfarrgemeinde. Dort war er nur als Lehrer und Organist angestellt. Die größte Orgel Kärntens wollte er bauen, der Herr Ladstätter; 1864 war sie fertiggestellt. Sicher hat sie Eindruck gemacht, auch wenn man den Erbauer nicht gerade fürstlich für seine Arbeit entlohnte, wie die Briefe in der Pfarrchronik belegen. Im Gegenteil – es waren eher Bettelbriefe, die er an das Presbyterium der Pfarrgemeinde in Zlan schrieb. Sein Traum von einer monumentalen Orgel schien angesichts der immer weiter steigenden Baukosten das Verständnis seiner Zeitgenossen ein wenig überbeansprucht zu haben.
II. Manual
Dass er seinen Lehrerberuf schlussendlich an den Nagel hing, um nur noch Orgeln zu bauen, wundert jedenfalls nicht. Etwas mehr als zwanzig Ladstätter-Orgeln lassen sich bis heute sicher nachweisen. Einer seiner bedeutendsten Schüler war Josef Grafenauer, der in Kärnten über sechzig Instrumente fertigte.
III. Manual
In Zlan war beinahe die gesamte Orgel erhalten. Die Physharmonica samt dem vierten Klavier wurde allerdings schon 1902 entfernt. Der Spieltisch wurde in den achtziger Jahren durch einen stilfremden Neubau ersetzt. Die Klaviaturen jedoch wurden zum Glück eingelagert. Im Inneren der Orgel war praktisch noch die gesamte mechanische Anlage der Orgel erhalten – eine Seltenheit. Das Gewirr aus Winkeln, Wellen und mechanischen Verbindungen ist abenteuerlich angelegt, aber doch eben mit Sachverstand.
Spieltisch nach der Restaurierung
Ladstätter schien ein hohes Maß an technischem Verständnis zu besitzen. Die Wellen mit Stahlspitzen in Messinglagern auszustatten, war in dieser Zeit nur bei wenigen Orgelbauern bekannt. In einem Buch, das auch in Tirol verbreitet war – der Orgelbaulehre von Johann Gottlieb Töpfer aus dem Jahre 1855 – waren diese Lager und andere technischen Neuerungen abgedruckt. Möglich, dass auch Ladstätter dieses Buch besaß, er war immerhin Lehrer.
auf dem Spiletisch aufgesetzte Physharmonica (IV. Manual)
Ein kleiner Zwischenschritt, wir gehen 40 Jahre vorwärts. Der Orgelbauer Kuher aus St Leonhard im Loibltal baut um die Jahrhundertwende die Ladstätter-Orgel geringfügig um, Kuher war ein talentierter Orgelbauer, eben nur eine Generation später. Unser Restaurierungskonzept konnte so nur zum Ziel haben, auch diesen Zwischenschritt zu berücksichtigen; es wäre gerade um die von ihm gefertigten Orgelregister schade gewesen.
Rollenlager für die Anhängung Violonbass 16'
Damit nicht genug. Bereits Ladstätters Orgel ist genaugenommen ein Konglomerat. Die Windlade des ersten Manuales und viele Orgelpfeifen stammen von einer noch früheren Orgel.
neue Umlenkwinkel Pedal, Kombinationslade
Diese erste Orgel stellt uns bis heute vor Fragen. Warum ist in den Archiven nichts über dieses Instrument zu erfahren? Konnte die Zlaner Gemeinde sich kurz nach dem Bau der Kirche schon eine große Orgel leisten? Wer war ihr Erbauer?
Ladstättersche Wellenlager in der Nachfertigung (Pedalerweiterung)
Nimmt man ein Baudatum von etwa 1828 an, wofür es einige Hinweise gibt, kommen nicht viele Orgelbauer in Frage. Das Land war nach den Wirren der napoleonischen Kriege leergefegt; fachkundige Orgelbauer – Fehlanzeige.
Wellenbretter Kombinationslade Pedal während der Restaurierung
Eines der wenigen Instrumente aus dieser Periode befindet sich in St Georgen im Katschtal. Sie wurde durch die Brüder Frisch 1813 erbaut. Ein interessantes Werk, leider in keinem guten Zustand. Beim Besuch dieses Instrumentes stellten sich einige interessante Gemeinsamkeiten mit dem alten Zlaner Bestand heraus. Sogar die eisernen Registerschwerter in Kleeblattform fanden sich dort. Windladen, Pfeifenwerk und viele Details weisen darauf hin, dass die erste Orgel in Zlan von den Brüdern Josef und Anton Frisch stammen könnte.
neue Überstöcke mit Transmissionsklappen für Trompete 8' nach historischem Vorbild
In gewisser Weise bildet also die Zlaner Orgel drei Generationen Kärntner Orgelbaugeschichte ab und damit auch die jeweilige Zeit mitsamt dem musikalischen Geschmack.
restaurierte Prospektpfeifen, Stimmausschnitte innen
Instandsetzen und Erhalten gehört zu unseren Hauptaufgaben als restaurierende Orgelbauer / orgelbauende Restauratoren. Das arg in Mitleidenschaft gezogene, vielfach verstellte Pfeifenwerk wurde in unseren Werkstätten aufwendig wiederhergestellt, Windladen und Trakturen restauriert. Aber es mussten auch verlorengegangene Bauteile ergänzt werden. Für das Innere des Spieltisches gab es praktisch keine Vorbilder, nur die Spuren, die das leere Spieltischgehäuse und die alten Klaviaturen freigaben.
Holzpfeifen von Flöte 4' und Quinte 2 2/3' während ….
So wurde er neu im Geiste Ladstätters angelegt. Die erhaltenen Klaviaturen sind nicht einheitlich, wir vermuten, dass die beiden unteren von Ladstätter stammen, die obere aus der Vorgängerorgel. Das fehlende vierte Manual wurde in den Abmessungen des dritten Manuals neu gefertigt. Die erhaltenen Klaviaturen waren nur mit erheblichem Aufwand zu restaurieren und mussten zudem verlängert werden, Taste für Taste.
… und nach der Restaurierung
Die Mixturen konnten in ihrer originalen Zusammensetzung anhand der Inskriptionen rekonstruiert werden. Einige Bauteile fehlten ganz, wie die beiden belegten Register Posaune und Trompete. In ganz Kärnten fanden sich keine solchen sehr seltenen Register, die als Vorbild für eine Rekonstruktion hätten dienen können. Aber in Wien fand sich dann ein erhaltenes Registerpaar aus dem Jahre 1860 von Alois Hörbiger, der mit Ladstätter zusammenarbeitete. Diese Posaunen und Trompeten standen Pate für unsere Rekonstruktion in Zlan.
restaurierte Oktave 2' auf der Intonationslade
Die schönen Orgelpfeifen der Violine, Gambe und des Violonbasses von 1903 sollten unbedingt erhalten bleiben. Aber wohin damit, wenn der Orgelkasten schon voll ist? Der fast fünf Meter lange Violonbass wurde hinter der Orgel auf einer neuen Windlade aufgestellt. Die Violine erhielt einen neuen Platz im Oberwerk. Dort gab es bei einigen Registern Doppelschleifen, die wir nutzen konnten. Für das Harmonium auf dem vierten Manual gab es keine genauen Vorbilder. Es wurde ein Physharmonicaregister nach E. F. Walcker (ca. 1850) als Vorbild gewählt und wie im Pfarrarchiv belegt im Spieltisch eingebaut.
Nüsse und Kehlen der neuen Zungenstimmen in der Fertigung
Interessant ist die klangliche Anlage der Orgel, die alle Werke auf das zweite Manual bündelt, das tatsächlich über einen offenen Prinzipal 16´ verfügt. Die Wirkung in der verhältnismäßig kleinen Kirche ist beeindruckend. Stilistisch lässt sich das Instrument zwar im neunzehnten Jahrhundert verorten, jedoch fehlt noch eine genau abgestufte Dynamisierung, eine Terrassierung der Werke. Auch sind beispielsweise solistische Flöten noch nicht ausgebildet. Die Disposition scheint sich an manchen Punkten noch einfach zu wiederholen. Faszinierend erscheint in Zlan aber gerade das Spannungsfeld zwischen spätem Klassizismus und der schon herandrängenden Romantik. Hier kann das durchschlagende Register so manche Lücke schließen.
Ladstättersche Spezialitäten: Anhängung von Gemshorn 4' OW
Was aber sagen wir am Ende der Arbeiten über die größte Orgel, die Ladstätter je erstellt hatte, sein Meisterwerk?
Blick vom Oberwerk in die Pfeifen der Kombinationswindlade (II/Ped), links der Violonbass auf neuer Windlade
Nach hunderten Arbeitsstunden stellen wir zunächst einmal fest, dass Ladstätter in allen Teilen mit großem Sachverstand ans Werk gegangen ist. Holzauswahl und mechanische Anlage – gekonnt und sehr sorgfältig abgearbeitet. Auch die Qualität des Pfeifenwerkes ist bemerkenswert. Die Mechaniken sind klug, wenn auch nicht ganz frei von kleinen Fehlern und Korrekturen; nicht alle Pläne scheinen aufgegangen zu sein.
Gehäuse vor der Restaurierung
Ursprünglich waren wohl das Oberwerk und ein weiteres Manual als Transmissionsklavier angelegt worden. Es gibt dort zwei Windkästen mit Doppelschleifen. Dann aber realisierte er ein drittes Werk, bei welchem das Pedal und ein weiteres Manual sich die Register beleihen. Das Pedal war in der Kombinationslade mit 25 Ventilen bestückt, am Wellenbrett waren schon die entsprechenden Wellen eingezeichnet, aber letztlich realisierte Ladstätter nur ein Pedal mit 13 Tönen. Ein work-in-progress vielleicht, die Zlaner Orgel.
Klötzchen des Zahnschnitts mit Grundierung (rot) und neuer Vergoldung
Was seine Vorbilder betrifft, gibt es tatsächlich Ähnlichkeiten mit zwei berühmten Instrumenten seiner Zeit. Äußerlich ist es die Orgel der Madeleine in Paris und vom Klangplan die Orgel des Linzer Domes, auf der kein geringerer als Anton Bruckner spielte. Kannte Ladstätter Anton Bruckner? War er einmal in Paris?
Gehäuseregänzung und freigelegte historische Farbgebung
Wir haben den Eindruck, dass unser Herr Lehrer, Organist und Orgelbauer Jakob Ladstätter einige Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Unsere Arbeit ist in jedem Falle auch eine Anerkennung dieses Mannes, der sich um etwas verdient gemacht hat, was weit über seine eigene Lebenszeit hinauswirkte und uns heute noch berühren kann.
das fertige Werk
